Außenansicht Filderklinik

Die Filderklinik im Wandel: Zukunftsmedizin zwischen Hightech und Heilkunst

Die Filderklinik im Wandel:
Zukunftsmedizin zwischen Hightech und Heilkunst

Quelle: Das Interview führte Antal Adam im Auftrag der MAHLE Stiftung.

Das deutsche Gesundheitswesen steht vor einem tiefgreifenden Umbruch. Während viele Krankenhäuser um ihre Existenz bangen, blickt die Filderklinik erstaunlich zuversichtlich nach vorn. Geschäftsführer Nikolai Keller über kluge Vorarbeit, die Kraft der Spezialisierung und eine Medizin, die beides sein will: hochmodern und menschlich.

Eine Reform, die alles verändert

Seit Ende 2024 ist das Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz in Kraft – und mit ihm eine der umfassendsten Strukturreformen im deutschen Gesundheitswesen seit Jahrzehnten. Das alte System der Fallpauschalen, das Kliniken zu immer mehr Behandlungen trieb, wird schrittweise durch 65 bundeseinheitliche Leistungsgruppen ersetzt. Künftig dürfen Krankenhäuser nur noch anbieten, wofür sie die entsprechenden Qualitätskriterien erfüllen: vom Facharztpersonal über die Medizintechnik bis hin zu spezialisierten Fachabteilungen. Rund 60 Prozent der Betriebskosten sollen dann über sogenannte Vorhaltepauschalen finanziert werden – unabhängig davon, wie viele Patientinnen und Patienten tatsächlich behandelt werden.

Was für viele Häuser existenzielle Fragen aufwirft, hat für die Filderklinik in Filderstadt-Bonlanden einen fast paradoxen Effekt: Sie steht vergleichsweise gut da. „Wir haben in den letzten sieben Jahren unsere Hausaufgaben gemacht“, sagt Geschäftsführer Nikolai Keller. Der Grund: Die Klinik hat sich konsequent auf Spezialisierung und Zertifizierung konzentriert – eine Strategie, die sich nun als vorausschauend erweist.

Fünf Zentren, ein klares Profil

Fünf zertifizierte Zentren sind das Ergebnis dieser strategischen Neuausrichtung: ein Brustkrebszentrum, das Ende 2025 seine Zertifizierung erhielt, ein Adipositaszentrum, ein minimalinvasives chirurgisches Zentrum, ein Hernienzentrum und das Perinatalzentrum mit der traditionsreichen Geburtshilfe. Dazu kommen Fachabteilungen, die auf hohem Niveau arbeiten – von der Inneren Medizin über die Chirurgie bis zur Psychosomatik.

„Wir sind vor 50 Jahren als Haus der Grund- und Regelversorgung gestartet“, erklärt Keller. „Den Anspruch, für die Menschen hier in der Region da zu sein, haben wir immer noch. Aber wir mussten uns fragen: Wofür stehen wir eigentlich? Was können wir richtig gut? Und nur das sollten wir auch machen.“

Die besondere Rolle der MAHLE-STIFTUNG

Dass die Filderklinik diesen Weg gehen konnte, liegt auch an einer Besonderheit, die sie von den meisten Krankenhäusern unterscheidet: Sie ist eine Einrichtung, die die MAHLE-STIFTUNG –1964 von den Brüdern Hermann und Dr. Ernst Mahle gegründet – bis heute die Klinik als Gesellschafterin unterstützt.

„Die Mittel der MAHLE-STIFTUNG fließen nahezu ausschließlich in die Infrastruktur“, erläutert Keller. „Das hilft uns enorm, denn dadurch können wir uns in der Medizingerätetechnik oder auch baulich so weiterentwickeln, wie es bei einem Haus unserer Größenordnung normalerweise niemals möglich wäre.“

Regenerativ in die Zukunft

Die nächsten großen Investitionen sind bereits in Planung. An erster Stelle steht eine neue Energiezentrale, die das gesamte Klinikareal – einschließlich Wohnanlage, Kindergarten und Krankenpflegeschule – mit regenerativer Energie versorgen soll. Der Antrag zur Baugenehmigung wurde eingereicht, die Umsetzung ist für die kommenden zwei bis drei Jahre geplant.

„Wir wollen weg vom Gas und Öl“, sagt Keller. Die Nachhaltigkeit liegt der Filderklinik ohnehin am Herzen: Eine eigene Nachhaltigkeitsmanagerin koordiniert die Bemühungen, gemeinsam mit der Universität Stuttgart wurde ein Maßnahmenkatalog erarbeitet. Von der Umstellung der Beleuchtung über die Reduktion von Narkosegasen – eine der größten Umweltbelastungen im Klinikbetrieb – bis hin zur Rettung von Lebensmitteln reicht das Spektrum.

„Wir machen kein Greenwashing“, betont der Geschäftsführer. „Gute Nachhaltigkeit kostet nichts, sondern spart Geld – zumindest in der Perspektive. Aber sie ist anstrengend.“ Die Filderklinik habe sich bewusst gegen Kompensationsgeschäfte mit Waldaufforstung oder Emissionshandel entschieden. Stattdessen setzt sie auf echte Veränderungen im Betrieb – und bezieht dabei auch die Zusammenarbeit mit Lieferanten ein: „Wir können nicht jeden Vertragspartner bis zur Schmerzgrenze runterhandeln. Beide Seiten müssen zufrieden sein – das sind nachhaltige Beziehungen.“

Der Mensch im Mittelpunkt

Der Fachkräftemangel macht auch vor der Filderklinik nicht halt. Doch die Rahmenbedingungen – von günstigen Wohnungen über kostenlose Parkplätze bis zur hervorragenden Betriebsverpflegung – machen das Haus attraktiv. Entscheidender aber sei etwas anderes, betont Keller: die Entwicklungsperspektiven.

„Bei uns ist die Pflege nicht nur auf Körperpflege und Medikamentengabe reduziert“, erklärt er. „Unser Berufsprofil ist Pflege und Therapie. Die Pflegenden sind gleichberechtigter Teil des therapeutischen Teams.“ Das komme gut an – auch bei Menschen, die zunächst ohne Bezug zur anthroposophischen Medizin in die Klinik kommen.

Zuwendung als Wettbewerbsvorteil

Ist anthroposophische Medizin in einer Welt zunehmender Standardisierung, Leitlinienorientierung und Digitalisierung überhaupt noch zeitgemäß? Keller sieht darin keinen Widerspruch – im Gegenteil.

„Die Medizin wird immer technischer“, sagt er. „Und genau deswegen ist die anthroposophische Medizin ein wunderbarer Gegenpol. Sie ist eine Zuwendungsmedizin.“ Während KI-Systeme diagnostische Hinweise liefern und Leitlinien die Behandlungspfade vorgeben, bleibe die persönliche Begegnung zwischen Therapeutin und Patient, zwischen Pflegerin und Erkranktem, zentral.

Mindestens einmal pro Woche findet in jeder Abteilung eine Tafelbesprechung statt: Alle Patientinnen und Patienten werden besprochen, alle an der Behandlung beteiligten Professionen sind anwesend – manchmal 30 Menschen in einem Raum. „Diese Form von Zuwendung kriegst du nur bei uns“, sagt Keller.